Eine allgemeine Verwunderung

Überhaupt erkannte Jakob erst jetzt, im nachlässigen Umherblicken, die Unordnung in diesem Büro. Durch die zunehmende Dunkelheit mochte zwar dieser Eindruck verstärkt worden sein, doch es erschütterte gleich seine Schätzungen bezüglich Sondheim, obwohl ja gerade die ärgste Unordnung den höchsten Geist begleiten kann. Er wusste nicht, weshalb er sich gerade jetzt daran aufhielt, wo er sich doch anstrengte, wirklich nichts zu versäumen.

Sollte er an einen Scharlatan geraten sein, fragte er sich dann sogar, aber nur um des eigentümlichen Genusses willen, den diese Ahnung verursachte, denn es war ja nicht möglich. Sondheim war nicht nur bekannt für seine Kenntnis in derartigen Angelegenheiten, Jakob hatte persönlich erst vor kurzem ein Lob von einem Freunde dafür erhalten, sich gerade an Sondheim gewandt zu haben.

Unbedingt war es nun notwendig, diese Nebensächlichkeiten zu ignorieren und Größeres zu  denken, denn offenbar hatte er sich in der Wirkung seiner Aussagen getäuscht und, ohne dass er sagen konnte, was es war, eine wesentliche Entscheidung gemacht. Zumindest ließ sich das an Sondheims plötzlicher Aufregung feststellen, die er scheinbar auch sofort zu vertuschen suchte und unbedingt nun einen speziellen Stift auf seinem Schreibtisch zu suchen begann.

Jakob entschied schließlich, beinahe gewaltsam, es hätte trotz allem unbedingt aufgeräumter sein sollen. Immerhin war ihre Übereinkunft, zumal zwischen Fremden, noch zart und gegenüber neuen Unsicherheiten sehr empfindlich.

»Morgen um neun«, sagte Sondheim unnötig feierlich und schrieb, den Stift wie einen Pinsel schwingend, die Zahl in ein kleines Feld. In ganz unverständlicher Hast blätterte er dann durch den Ordner und beschrieb auch gleich ein paar andere Dokumente, als wären mit dieser einen Entscheidung schon viele weitere vereinbart worden.

Jakob hätte in diesem Ordner auch gerne selbst geblättert, am liebsten im Beisein eines jungen, verständigen Beamten, der ihm, die Hand auf der Schulter, geduldig die fernsten Zusammenhänge ausführen und mit langen, festen Blicken das Dastehende begründen würde. Er wunderte sich, wie Sondheim in dem schon schwachen Licht zu lesen verstand und stellte sich vor, dass auch zu anderen Zeiten an jenem Tag schon andere Kunden hier gesessen hatten und einer viel besseren Sicht Sondheims ausgesetzt waren. Unwahrscheinlich war es nicht.

Sondheim ließ den Blick schließlich auf einer Stelle seines Tisches ruhen, ganz für sich in schon fernen Gedanken und besah dann Jakob, plötzlich wieder sehr in unsere Sache vertieft, als fange sein Denken darüber sogar jetzt erst an.

»Ich bin übrigens froh, dass Sie sich noch gemeldet haben«, sagte er mit einer fast kindlichen Freude. »Denn bezüglich Ihrer Aktei ging es hier schon ganz wild zu. Eine kleine Konferenz wurde vergangene Woche sogar abgehalten, bei der Sie übrigens eingeladen waren, sogar mit Stimmrecht, was nicht üblich ist. Kurz, man war ja völlig ratlos und in Ihrer Angelegenheit eigentlich an dem Punkt, Sie aufzugeben und nicht länger zu berücksichtigen.«

»Achso!«, rief Jakob gleich und richtete sich ohne eigentlichen Grund nochmals auf. Er hielt das für sehr wichtig und wollte diese Neuigkeit nun schnell noch in allem berücksichtigen. »Von dieser Konferenz wurde nur vor sehr langer Zeit einmal gesprochen, aber ja überhaupt nicht direkt zu mir. Ich muss es daher vergessen haben. Nun, dass so leicht ein Rauskommen möglich ist, das wusste ich nicht und es erstaunt mich auch! Vielleicht wäre es nicht das Schlechteste gewesen, anwesend zu sein.«

»Machen Sie sich da keinen weiteren Glauben. Sehen Sie, Sie sind ja sogar jetzt noch gierig auf Spezielles und für Ihre Lage Günstiges. Das muss sich noch legen, das ist ja ganz peinlich. Dass Sie jetzt da sind, ist für Ihren Willen Beweis genug. Es ist mir natürlich unbegreiflich, dass Sie so spät gekommen sind. Schauen Sie, wie flott das jetzt lief; gleicht das nicht von selbst alle Bedenken aus?«

Sondheim blies durch gespitzte Lippen und blickte zu einer kleinen Wanduhr, zum Zeichen, dass man diese nun sehr beachten müsse.

»Ich kann es eigentlich noch kaum verstehen…«, sagte Jakob eilig, merkte jedoch sofort, dass er sich nun kaum mehr würde behaupten können.

Seit Beginn ihrer Besprechung hatte er in die Tiefe fragen und die eigentlichen Zusammenhänge erfahren wollen, nun war es vielleicht zu spät. Er war noch nicht für eine Entscheidung bereit, seiner Meinung nach war doch gerade erst alles eröffnet und nur das Kleinste und Notwendigste besprochen, ja vielleicht nicht einmal das.

»Halte ich Sie denn schon auf?«, fragte Jakob leicht gereizt, obwohl er seine Vernichtung damit doch schon anbot. Sondheim stand auch wirklich auf und dehnte sich derart kräftig, wie man es nur in völliger Privatheit tut.

»Ja, sehr sogar«, sagte er und zeigte sehr offen seine Zufriedenheit über Jakobs Frage. »Ich hätte vor einer Stunde bei meiner Frau sein müssen, sie wartet gewiss wieder im Foyer. Sie ist schon ganz verschwatzt mit der Empfangsfrau. Wir besuchen Verwandte.«

Jakob hielt das für ein recht spätes Treffen und glaubte, dass Sondheim es nur erfand, um die sofortige Notwendigkeit eines Abschieds zu verdeutlichen. Er nickte ergeben und stand ebenfalls auf.

»Ich werde bei der Enthauptung übrigens nicht anwesend sein«, sagte er mit einem kurzen, kaum noch zu erkennenden Blick auf Jakobs Brust. Es klang wie eine Entschuldigung, obwohl zu hören war, dass er mit dieser Information absichtlich bis zuletzt gewartet hatte.

Sondheim raffte auch sofort, als erkenne er Jakobs neue Bedenken, die von Jakob sauber ausgelegten Dokumente ineinander und drückte sie ungeordnet in seine Tasche. Diese Behandlung entsetzte Jakob. Er hätte es gerne gesehen, wenn diese Bögen irgendwie archiviert worden wären, mit üblichen Kennzeichnungen versehen, die sich an Jakobs eigene Kennzeichnungen gut und vergleichbar angepasst hätten.

»Als Enthauptung kann man es natürlich auch bezeichnen, es passt ja ganz vortrefflich«, rief Jakob zerstreut. »Nun, also dann vielen Dank für alles.«

Sondheim war mit dem Einräumen, das sich in ein Umräumen des kompletten Tischbelags ausdehnte, zu sehr beschäftigt und ignorierte die Höflichkeit.

»Dann wünsche ich noch einen schönen Abend!«, sagte Jakob lauter und hielt seine zierliche Hand über den Tisch. Sondheim tat, als bemühe er sich gerade jetzt, besondere Organisation noch im Kopf zu betreiben und kratzte sich dabei mit beiden Händen über die Wangen, statt Jakobs Hand zu beachten. Offenbar glaubte er auch, es sei schon dunkel genug, um die Hand nicht mehr unbedingt wahrnehmen zu müssen.

Jakob führte die ungenutzte Hand in die Tasche seiner Jacke und ertastete im Winkel der Taschennaht eine kleine Sammlung von Münzen. Er fragte sich, ob es genug ergab, um auf dem Heimweg einen Kaffee zu trinken, in dem Bistro, wo um diese Zeit Marie gewiss noch am Tresen stand und ihn heute gar nicht erwarten würde.

In diesen erfreulichen Planungen musste er wohl nachdenklich gewirkt haben, denn Sondheim sagte: »Die Herren kommen gleich, warten Sie einfach hier.«

Wie zur eiligen Verwischung des Gesagten warf er erneut einen Blick zur Uhr, als sei alles jetzt noch dringender.

»Achso, wie? Und was für Herren?«

»Die Herren bringen Sie in die Unterkunft.«

Sondheim sagte das in strengem Ton, als erkläre sich doch alles selbst und als dulde er nun keine weiteren Einwände. Es war schon so finster, dass es frech war, kein Licht zu machen. Scheinbar hielt Sondheim es nun gar nicht mehr für notwendig und vielleicht gefiel es ihm auch gerade so.

Jakob schüttelte den Kopf, obwohl er wusste, dass Sondheim ihn fast nicht mehr sehen konnte und vielleicht auch jetzt nicht herschauen wollte.

»Ich benötige doch keine Unterkunft. Das ist mir übrigens ganz neu, dass man dazu einer besonderen Unterkunft bedarf!«

»Das sehe ich schon ein, aber es wird verlangt, schon für die Garantie, dass morgen alles pünktlich abläuft. Solche Garantien können bisweilen lästig sein, nun ja, aber Garantie ist alles, das verstehen Sie doch? Ich meinte zumindest, es sei verstanden.«

»Nein, überhaupt nicht!«

Jakob wollte noch viel mehr sagen, doch hinter ihm ging die Türe auf und eine kleine Gruppe Männer drängte stumm herein, scheinbar ohne Befürchtung, ungelegen zu kommen.

»Ach, da sind Sie ja schon!«, rief Sondheim lustig und seine inzwischen unkenntliche Gestalt breitete die Arme zum Empfang.

»Was wollen Sie denn alle?«, fragte Jakob, der sich in seiner Lage sehr bereit fühlte, Erklärungen einzufordern. »Wir sind hier durchaus noch nicht fertig. Und kann man denn kein Licht andrehen, das ist doch eine Nacht hier drinnen.«

Jakob fühlte sich in dieser Dunkelheit furchtbar unterlegen. Er zog sogar in Erwägung, dass man die Finsternis, die ja durch die geschlossenen Jalousien regelrecht provoziert war, bewusst gegen ihn benutzte. Wie zur Bestätigung fasste ihn einer der Herren am Arm, ohne dass er diesen zuvor hatte ertasten müssen.

»Herr Seligmann bat um einen möglichst frühen Termin, es geschieht um neun«, erklärte Sondheim für die Herren. Danach hörte man, wie er sich seinen Mantel umwarf und damit gleichsam alle Angelegenheiten in diesem Büro von sich abzulösen schien.

Jakob versuchte mit einer Drehung des Handgelenks den unsichtbaren Griff des Hilfsordners zu lösen, aber er wurde sofort neu gefasst. Ein zweiter Mann packte dazu wortlos seinen Kiefer und quetschte das Backenfleisch derart an die Zähne, dass sich Jakobs Gesichtshaut um die aufgestülpten Lippen verzog.

Er versuchte zu lachen und fummelte an der Hand, doch sie war hart vor lauter Muskeln und gab seinen Knochen um kein Stück frei. Also ließ er die Arme absinken und schob den Kopf kräftig vor, um so vielleicht den schmerzenden Griff zu mildern. Den Versuch, mit den Händen den Mann selbst zu greifen gab er gleich auf, denn überall fühlte er die Körper um sich und es war denkbar, dass man ihm bei Widerstand nur mehr Gewalt antun würde.

Sondheim hatte soeben noch etwas gesagt und Jakob glaubte, Wesentliches und Nützliches verpasst zu haben. Bemerkte er diese schlimme Behandlung der Ordnungskräfte denn nicht? Jakob wollte ihn schon selbst darauf aufmerksam zu machen, doch er fürchtete die Reaktion der Herren, die vielleicht keine Rücksicht mehr nehmen würden.

»Gute Nacht, Herr Seligmann!«, rief Sondheim aus der Ferne, wie vollständig erneuert.

Man schleppte Jakob, der nun den Mund wieder frei, dafür beide Arme in Handgriffen festsitzen hatte, eine für dieses Gebäude unverträglich schmale Treppe hinab. Insgesamt trotteten hinter ihm fünf Herren hinab; die letzten beiden spürten schon ihre eigene Überflüssigkeit und wandten sich in privaten Unterredungen immer wieder einander zu, während die nächsten drei umso genauer ihre Aufgabe erfüllen wollten und am liebsten, zumindest schien es so, alle Bewegungen Jakobs vorausgedacht und mit den Händen begleitet hätten. Jakob wollte zu gerne die schmerzenden Stellen in seinem Gesicht befühlen, wagte es unter den genauen Blicken aber vorläufig noch nicht. Durch eine Türe am Treppenende gelangte die Prozession in einen glatten, leeren Hof, der nur vom Treppenhauslicht beleuchtet wurde. Nach allen Seiten ragten fensterlose Wände in den Nachthimmel und man fühlte sich auf den Grund eines entsetzlichen Lochs abgesunken.

Plötzlich ließen die Männer Jakob frei, setzten sich auf die Stufe vor der offenen Türe und entzündeten sich gegenseitig Zigaretten. Jakob blieb zuerst bei ihnen stehen, denn er konnte natürlich selbständig auch gerade hier stehen. Die betroffenen Stellen in seinem Gesicht, die er dick werden fühlte, rührte er nicht an, als gehörten sie jetzt zu ihm. Dann entschied er sich um und schritt geradeaus in den Hof.

Zwar schauten die Männer ihm hinterher, was man ihnen nicht verübeln konnte, denn sie hatten hier draußen ja sonst nichts zum Betrachten, doch man nahm sein Weggehen nicht arg und alle Feindschaft schien vergangen. Jakob wollte schon nachfragen, was denn jetzt sei, doch lieber wartete er ab.

Seine Augen gewöhnten sich schnell an das schwache Licht und ein Blick auf die andere Seite des Hofes sagte ihm, dass er ohne Weiteres durch einen nahen Durchgang gelangen konnte, bevor die Herren es begreifen und ihm hätten nachsetzen könnten. Dahinter erspähte er sogar schon das Haupttor, durch das er am Nachmittag hereingekommen war. Selbst der Schnellste unter den Herren würde den Durchgang nicht rechtzeitig erreichen, um beobachten zu können, welche Richtung Jakob draußen wählte. Alles schien einfach und für ihn ausgedacht.

Ganz unerwartet trat seitlich ein Mädchen aus einer Türe und sah ihm erwartungsvoll entgegen.

»Sie sind Jakob Seligmann«, sagte sie wie zur Taufe. »Ich erwarte Sie zur Anprobe.«

Offenbar war sie mit den Herren auf der Stufe und auch mit Sondheim vertraut und Jakob wunderte sich, wie sich solche Schönheit mit alldem vereinen ließ. Als Jakob nicht antwortete, wurde es ihr peinlich.

»Hier liegt ein wirklich feiner Anzug bereit, probieren Sie ihn an!« Sie schien sogar nervös, was Jakob nicht wenig freute.

»Ist das denn üblich?«, fragte er, wobei er nicht die geringste Lust hatte, der Aufforderung zu folgen.

»Es ist geradezu Vorschrift bei öffentlichen Enthauptungen.«

»Diese Floskeln, es ist ja doch eine bedenkliche Bezeichnung. Ach nein, ich gehe lieber heim.«

»Ich habe alles bereit gelegt. Sie müssen ihn wenigstens ansehen!«

Er war erst seit wenigen Stunden hier und schon bewegten sich solche Mühen in seinem Namen.

»So kommen Sie doch ins Warme«, bat das Mädchen nach kurzer Stille und in einem vergnügten Tone, als sehe sie, dass er eigentlich schon wolle.

Die Herren saßen noch immer eng beieinander und hatten begonnen, sich mit großen Gesten irgendwelche Dinge zu beschreiben, die wahrscheinlich mit Jakob gar nichts mehr zu tun hatten. Rasch schritt er zu dem Mädchen und sah in den hell erleuchteten Raum hinein, der tatsächlich einer Schneiderei glich. Stoffe hingen über hohen Bügeln und die Wände waren versehen mit Regalen voller bunter Rollen und Bündel.

»Ich habe ein Jackett aus Kaschmir für Sie, es liegt dort«, sagte sie und strich dabei zärtlich seine Schulter, als lobe sie sich insgeheim für die gute Schätzung seiner Maße.

»Herzlichen Dank für die Schneidersachen, nur benötige ich sie gar nicht. Das ist morgen bloß eine kleine Angelegenheit, übrigens hat sie nichts von einer Enthauptung, es muss für solche Angelegenheiten auch bessere Bezeichnungen geben. Sollte aber tatsächlich gute Kleidung erwünscht sein, so habe ich zu Hause schon selbst etwas.«

Als Jakob sich umwandte, wurde er förmlich von seinen Begleitern überlaufen, sie alle drängelten schon hinter ihm, dicht aneinandergedrängt wie Schulbuben vor dem Kiosk.

»Warum stehen Sie noch hier«, brummte einer der Vorderen, Jakob wie Nichts in die Schneiderei hineinschiebend. »Wir alle wollen rein. Sehen Sie unser schönes Mädel? Sie ist unsere Perle.«

Jakob war es ganz unverständlich, wie sie alle so plötzlich den Entschluss zur Bewegung und die Distanz über den Hof hatten bewältigen können, wo sie gerade noch lässig in Gesprächen vertieft waren.

Das Mädchen eilte mit großen, glücklichen Augen in den hinteren Teil des Raumes, um alles möglichst gut vorzubereiten. Die Herren bildeten einen weiten Halbkreis, in dessen Mitte Jakob die Kleidung anprobieren musste. Jakob war mit dem geschneiderten Jackett sehr kritisch und bürdete dem schüchternen Mädchen vielerlei Korrekturen auf, zu denen sie nur stumm und wie entsetzt nickte.

Nach der Anprobe bekam er ein kleines Räumchen zugewiesen, in dem ein Bett und eine schmale Kommode standen. Letztere enthielt eine Bibel, leere Papiere und einen Stift. Er hielt die Blätter fragend in die Höhe, aber man schüttelte nur den Kopf, als sei das nicht das Richtige und bat ihn, sich sofort schlafen zu legen.

»Ich werde noch aufbleiben«, erwiderte Jakob, doch augenblicklich traten zwei der Herren in seinen Raum, entkleideten und drückten ihn, als wäre sein Sträuben nur der Gipfel eines lange andauernden Widerstandes, in das kühle Bettzeug.

»Es ist unfassbar«, schimpfte Jakob aus dem Bett heraus. »Stünde mir eine wahre Enthauptung bevor, wäre solch eine Behandlung wohl am wenigsten angemessen.«

Jakob blieb lange wach und beobachtete aus dem Dunkeln einen der Männer, dessen halber Körper hinter der offenen Zimmertüre zu sehen war. Er stellte sich vor, wie er in leiser Art neben sich das vom Mond erleuchtete Fenster öffnen und in die Nacht springen würde.

Man war hinter der Schneiderei nur eine kurze Treppe hinaufgegangen, folglich konnte das Zimmer nicht hoch liegen. Wirklich geprüft hatte er es jedoch nicht und er wollte die Sache nur angehen, wenn sie bestimmt machbar war. Auch müsste er mit Geräuschen rechnen, etwa beim Aufstehen von dem Bettrost oder beim Hochschieben des Fensters, die der Mann gewiss schon erwartete.

Dennoch, Jakob musste zugeben, dass es nicht kompliziert wäre und er, einmal draußen, auch schon gänzlich frei wäre, denn wie leicht vereint man sich in städtischer Gegend mit der Nacht. Über solchen halb geplanten, sinnlosen Gedanken schlief er bald ein.

Die Gesellschaft, die sich erwartungsgemäß früh vor der schmalen Estrade eingefunden hatte, wirkte auf der weiten Fläche des Gemeindeplatzes recht verloren. Zwei Ordner, Buben, die offenbar keine wirklichen Anweisungen bekommen hatten, standen lose herum und kicherten sich zu. Jakob wurde aufgetragen, einige Gäste persönlich zu begrüßen und so schüttelte er verschiedene Hände und ging für Kinder auch in die Hocke.

»Ich gratuliere Ihnen von Herzen«, sprach ihn ein alter Mann an. Er war klein und gut gekleidet und benahm sich wie einer, der sich gerne wesentlichen Leuten bekannt macht. »Ihre Angehörigen müssen sehr stolz auf Sie sein. Mein Sohn steht ebenfalls vor seiner Enthaupung, ich kaufe ihm dafür Geschenke. Wer hat Sie heute begleitet?«

»Ich komme allein.«

»So ist es recht«, sagte der Mann sofort, wie in einem ganz anderen Gespräch. »Überlegen Sie, auch ich, wie ich hier stehe, ich war einst genau an Ihrer Stelle. Aber glauben Sie’s, ich wurde nicht hingerichtet.«

Der Mann klopfte Jakob an die Schulter und kicherte zischend, sodass sich sein Gesicht in die Breite dehnte.

»Wobei ich es später oft und gerade letztens stark bedauerte. Also ich stand mit zwei Schulkameraden da, junge Schufte wie ich selbst – haha – und man war nun plötzlich im Unklaren darüber, ob es nicht genügte, nur einen von uns Dreien hinzurichten und erst mit großem Abstand dann den nächsten, wenn überhaupt mehr als einen. Es gab dazu kurze Besprechungen, schließlich wurde das ganze Fest vertagt, bis heute. Ich schicke manchmal neue Anträge, aber Hoffnung habe ich eigentlich keine mehr.

Heutzutage macht man das anders, heute köpft man alle gleichzeitig, gottlob, richtig im Akkord. Früher gab es da noch Hürden, die heute lustig sind, sich vorzustellen. Sie haben  aber, wie ich staune, ohnehin das ganze Schafott für sich alleine. Das ist reiner Luxus, da sehe ich keine Gefahr auf Verzögerungen!«

»Ihre Späße finde ich jetzt doch etwas unbemüht. Es ist ja immer noch eine ernste Sache«, erwiderte Jakob. »Hier handelt es sich natürlich viel mehr um eine formale Zeremonie. Ich bitte Sie, solche schauderhaften Reden für sich zu behalten.«

Der Mann wandte sich regelrecht beleidigt einem Nachbarn zu und war auch gleich wieder bereit zu grinsen. Jakob wurde, als er gerade gegen diese vielleicht bedeutsame Abwendung protestieren wollte, von einem der Jungen eifrig auf die Bühne gebeten. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Moderator, einem langen, drahtigen Menschen mit überaus ratternder Aussprache, sollte er sich vorläufig schon auf dem Podium positionieren und vorerst abwarten. Also trat er frei auf die Bretter und nur einzelne Personen  wandten sich ihm jetzt schon zu. Von der recht niedrigen Estrade aus konnte er weit sehen, über die Hecken und die Parkplätze, sogar hinein in die Stadt. Wie sehr doch selbst geringster Höhenunterschied die vertraute Sicht beeinflusst!

»Sie müssen an der Markierung stehen!«, rief der Moderator vorwurfsvoll und so laut, dass das restliche Publikum ringsum aufmerksam wurde und sämtlich die Estrade untersuchte, um das Ausmaß von Jakobs Fehlstellung beurteilen zu können.

Eine junge Violinistin spielte ein feines, leise über den Platz tönendes Lied zur Einstimmung. Nach diversen Ankündigungen, deren Inhalte hauptsächlich darin bestanden, welche Stiftung und welcher örtliche Verein die Enthauptung sponserte oder in sonstiger Art förderte, folgten die einleitenden Worte eines Stellvertreters aus dem Dezernat und die Danksagungen einiger Inhaber kleinerer Ämter.

Jakob stand währenddessen teilnahmslos an der Seite und sah immer wieder kontrollierend durch das Publikum oder nachdenklich vor sich auf die gezimmerte Holzfläche. Um keinen Preis würde er sich nun rühren, um bei keinem, der ihn in diesem Moment betrachtete, irgendwelche Bedenken zu verursachen. Der Moderator zum Beispiel beobachtete ihn fast ständig, als bestünde durchaus Gefahr, dass Jakob abgelenkt würde.

Jakob fand, es könne durchaus alles noch ein angenehmes Ende nehmen, eine Wendung in seinem Sinne, denn das Ganze konnte doch auch nur schwerlich für Jakobs bloße Vernichtung organisiert sein. So einfach waren monatelange, ja eigentlich jahrelange Vorbereitungen überhaupt nicht zu denken.

© M.H.Israel – Quelle: „Abwegich“, Anthologie. Gorilla Verlag, 2016.

Früher, und auch an jenem Morgen auf dem Podium, kam ihm der Gedanke, dass es ja ein unvorstellbar breiter Aufwand sein musste, dieses vielschichtige Verfahren für alle Bürger zu betreuen. Er glaubte auch nicht, dass es eine nennenswerte Anzahl an Bürgern gab, denen keine eigene Enthauptung bevorstand. Wohl lag die Lösung in der zumeist vielfältigen Eigenarbeit, das erkannte Jakob gleich. Auf diese Art war ein besonderer Einsatz von außen gar nicht mehr nötig. Im Grunde hatte er selbst ja wirklich kaum eine Angelegenheit übergeben. Ihm schien es wie ein übergroßer Trost, in jedem der Anwesenden einen Bewältiger ebensolcher Verfahren zu wissen. In manchen Gesichtern glaubte er sogar, die Sorgen um den Verlauf der eigenen Sache zu erkennen und eine strömende Zuversicht erheiterte Jakob bei dem Gedanken, dass doch das alles etwas sehr Erhabenes an sich habe. Seine Bedenken schwanden endgültig und die Anzeichen für eine bevorstehende, vielleicht wundervolle Sache glaubte er bis zum Schluss in vielem zu erkennen.

Die Enthauptung verlief recht einfach und unwirksam. Jakob kniete auf einem Kissen, dessen vielfältige Stickereien er gerne ausführlich betrachtet hätte. Der Moderator wollte ihn vorgebeugt haben und so legte er sich mit der Brust auf die harte, schmale Fläche des Apparats. Für die Arme gab es gut eingestellte Halterungen, die jedoch den Mangel hatten, dass Jakob an ihren Enden nichts zum Greifen fand und die Hände ungebraucht in der Luft halten musste.

Erst dann trat der Scharfrichter auf, wenngleich Jakob ihn schon vorher unter den Leuten hatte witzeln sehen. Er war beim Hinzukommen gleich sehr lebendig, umging viele Male die Vorrichtung und hantierte an undeutlichen Mechaniken, die aber für Jakob letztlich keine spürbare Veränderung brachten. Schließlich nahm er Jakobs Schädel sanft wie ein Kinderarzt an den Schläfen und richtete noch irgendeine Fehlhaltung aus. Jakobs Blick war nun nach unten auf eine silberne Schüssel gerichtet, in der sein Kopf gleich liegen würde.

Er hoffte, dass der Kopf wenigstens eine halbe Drehung schaffen würde, sodass er sich nicht auch noch die Nase bräche. Man hätte seine Schüssel ebenso mit einem Kissen ausstatten sollen, fand er und überlegte, es sogar laut zu bemängeln.

Doch er fühlte die Verantwortung für sich selbst immer mehr abtreiben und sogar die Sorge um das viele, sich wahrscheinlich weit verteilende Blut wurde ihm durch die Ahnung irgendeiner zuständigen Person genommen. Nichts also musste berücksichtigt werden, alles war im Voraus bestimmt und ja auch bis jetzt sauber für ihn organisiert. Jakob fühlte sich wohl und streckte den Hals noch etwas, um die ihn behandelnden Leistungen zu würdigen.

Der eigentliche Tötungsakt war kaum der Rede wert, wie es bei so vielen Veranstaltungen der Fall ist, die in großer Manier anlaufen. Solche Enthauptungen sind für die öffentliche Unterhaltung auch nicht geeignet, was erst noch erkannt werden und einmal an der richtigen Stelle betont werden muss.

Man ließ Jakob nach dem Schnitt noch ein wenig auslaufen, um etwas zusätzliche Zeit zu füllen. In seiner Ungeduld begann der fast glückliche Schafrichter, den Körper in dem einigermaßen sauberen Kaschmirjackett vor den Zuschauern aufzurichten und den Schädel zu entsorgen. Der schlechte Applaus, der ganz willkürlich und uneins einsetzte, endete fast als Peinlichkeit. Jakob nahm ihn aber dankbar und mit einer allgemeinen Verwunderung entgegen.


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus der Anthologie „Abwegich„, Anthologie. Gorilla Verlag, 2016.

Lars André Amann

Lars Amann wurde 1985 in Herrenberg geboren. Er arbeitet als Journalist, Lektor und Texter für verschiedene Zeitungen und Online-Plattformen. Nach seinem Bachelorstudium der Literaturwissenschaft und Philosophie absolvierte er ein Masterstudium der Literaturwissenschaft, zu Teilen in Prag.

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