Die schneidende Kugel

Joseph Beuys schnitt sich in den Finger und bandagierte das Messer. Er tat immer das Andere. Kurt Cobain schoss sich ins Kinn, weil er für das geliebt wurde, was er gewesen war, aber nicht für das, was er vielleicht werden würde. Und ich sitze in einem Zimmer wie Woody Allen und stelle mir die bedrückende Frage, warum ich nicht nach draußen gehe. Ich könnte das Andere tun: einen Handstand an der Wand machen. Aber ich kann nicht raus gehen. Draußen ist es kalt. Das Universum ist ein kalter, dunkler Ort, von außen betrachtet. So ähnlich behauptet das zumindest eine Figur aus Allens Filmen. Und ich habe sie mir alle angesehen und sehe sie jetzt vor mir wie in einem Spiegel – all die verlorenen Existenzen, die irgendwo festsitzen. Hinter Akten, Aktien, Aufgaben, die sie nicht fordern, und kauernd unter Bettdecken, die nicht warm genug sind. Und sie warten auf Hände, die sie fortziehen in ein fremdes Land. Flüchtlinge, die auf ihr Unglück warten.

Theodor Hosemann: Illustration zu Münchhausen von Gottfried August Bürger.

Münchhausen hat sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Er hatte immer die besten Geschichten. Das war vor dreihundert Jahren. Heute sitzt man im Sumpf ziemlich bequem: Bier in der Pfote, auf dem Flachbildfernseher läuft ein Netflixprogramm. Nachrichten sind noch das Einzige, das einen aus der Fassung bringt. Ist Woody Allen jetzt auch bald und endlich out, der alte Sack, weil #MeToo die Runde macht wie damals AIDS? Der gescheiterte Kriminelle surfte doch lange genug auf seiner schwankend glorreichen Welle, die Zeit zum Abdanken müsste also längst gekommen sein. Wie Geier stürzen sie sich auf ihre Opfer, wenn die Titanen endlich schwächeln. Aber man soll das nur nicht vorschnell als Kälte abstempeln, wenn es eigentlich Hitze ist. Die sodbrennende Hitze des empörten Gerechtigkeitssinns. Es ist der Unterschied, den die Anderen hassen, und der ihre Leidenschaft immer wieder entfacht oder immerhin nicht ganz schweigen lässt. Vor Gott ist kein Ansehen der Person, heißt es. Das kann nur bedeuten: gemeinsam siegen, gemeinsam sterben! Oder heißt es eben gerade: alleine siegen, alleine sterben? Kain hat die Schande des Unterschieds damals zu seinem Recht degoutiert, und bis heute baut sie uns Autobahnen und Apps. Der Unterschied bleibt dennoch bestehen wie ein Urgesetz. Oder gerade deshalb.

CUT. Ich schneide hier einen Gedankenfilm, aus Streifen meiner menschlichen Einsamkeit. Ich tue immer das Eine, damit es irgendwann passiert. Gedanken kommen in Tropfen. Wie Medizin. Seit Stunden frage ich mich, was ich hier mache. Ich habe mich in Worten verirrt, bin eine Richtung entlang gefahren, ohne das Haus zu verlassen. Ich kann ja das Haus nicht verlassen. Die Technik erlaubt es. Selbst ist der Mann in seinem Zauberzimmer! Stereoanlage, Handy, Heizung, Schlafmaske – alles in Reichweite. Und wenn ich mit einer Schere einen Schlitz in die Wand ritze? Der Wahnsinn kehrt zurück: was denken die Nachbarn? Besser also, das Gerät in der Schublade zu lassen und einfach nur nachzudenken. Nur gucken. Immerhin habe ich hier nette Personen wie im Theater Revue passieren lassen. Alles nur in meinem Kopf. Was davon real ist, weiß keiner. Echt ist ohnehin nichts mehr. Es ist immer das Andere. Vom plötzlichen Herztod gar nicht zu reden – so was verschweigt man besser. Nicht anfassen! Um das geschriebene Gesetz wirklich zu verstehen, muss man es leben. Oder Roboter schaffen, die es leben können, wenn man es selbst nicht kann.

CUT BACK. Beuys, Cobain, Allen, Münchhausen. Alle wollten sich töten. Zwei haben es getan. Eine Quote von 50%. Das Universum ist also nur halb so schlimm wie gedacht! (Wobei das nicht ganz der Wahrheit entspricht, um zur Abwechslung einmal ehrlich zu sein und auf der Seite der Hoffnung zu stehen. Münchhausen ist in diesem Text ein doppelt besetzter Name. Quote also von 40%.) Nichtsdestotrotz löst das keinesfalls die Frage, warum es der menschlichen Einsamkeit so schwer fällt sich aufzulösen. Und dann wieder: sie ist kurzzeitig verflogen, eine Kugel die am eigenen Schädel vorbeizischt und einen anderen trifft.

CUT FORWARD. Ich grub in einem aufgewühlten Fluss, der reißend an den Ufern hin- und herschwappte wie die Flüssigkeit in einem rasch zum Stoß erhobenen Glas. Mein Triumph war der Glaube an die alles versumpfende Technologie.

Cut, cut, cut. Der Film ist aus. Der Strom ist weg.

Jari N.

Man kann nicht nach den Sternen greifen. Trotzdem steigen wir geradewegs in den Himmel und fallen, fallen tief -- das nennt man dann eine Sternschnuppe.

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