Ostwärts ziehen wir …
Wir sind wohl das einzige Volk,
Das es fertig bekommt,
Noch am Barren aggressiv zu sein.
– Kurt Tucholsky –
Kaum hatte Captain Ködel begriffen, wie ihm geschah, fand er sich in einem Kaff in der Ostzone wieder. In seinem Fall hörte das Ende der Welt auf den Namen Drückeberg. Als der Captain aus dem Zug stieg, riet ihm sein aus dem Schlaf geschreckter Instinkt wieder einzusteigen …
Vor der auf den Hund gekommenen Bahnhofshalle schmorte ein Rondell unter einer Linde in der Mittagshitze. Zu Füßen des Baums, der seine schattenspendenden Arme ausgebreitet hatte, warfen sich einige Drückeberger, deren Kleidung sie als Jäger auswies, für Zeitungs- und Erinnerungsfotos in Positur: Kopf hoch, Brust heraus, Hände in den Seiten, mit einem Fuß auf Leichen im Dreck. Während sie die Weise Kein schöner Land im Kanon anstimmten, schälte sich einer von ihnen aus dem Gruppenbild heraus und schritt mit angeschlagenem Gewehr auf den Captain zu. Nachdem er seinen Ausweis kontrolliert hatte, entspannte sich die Lage. Es habe nicht viel gefehlt, meinte der Waidmann, und der Ködel hätte es sich neben den anderen Leichen bequem machen können. Um derlei Unannehmlichkeiten für die Zukunft auszuschließen, heftete ihm der Schütze eine Kokarde in den Landesfarben ans Revers, die ihn als Teutonen und Arier auswies. Der Waidmann empfahl den Besuch einer Veranstaltung der Teutonischtümelnden am Abend, nachdem er Captain Ködel auf dessen Frage hin den Weg zu seinem Hotel gewiesen hatte.
Die Villa Fotzenfroh war eine schabenverseuchte Absteige mit einem Service bösartigster Feindseligkeit. Captain Ködel fühlte sich wie ein ungewolltes Kind, für das eine Abtreibung zu spät gewesen war. Er wurde, was sich später als großes Glück erweisen sollte, vom Personal wie Luft behandelt. Auf seine Mahlzeiten wartete er vergeblich, und an der Hotelbar wurde er nicht bedient. Am Abend vor seiner Abreise stellte ihm der Oberkellner auf den Abort nach, wo letzterer mit Schlägen in Magen und Nieren sein Übermütchen an ihm kühlte. Dem Captain tröstete die Vorstellung, dass er nicht zum Vergnügen nach Drückeberg gekommen sei, sondern auf Befehl seines Chefausbeuters. Diesem waren die Wissenslücken seines Lohnsklaven vom Ausmaß des Grand Canyon nicht verborgen geblieben, und so schickte er ihn zu einer Fortbildung in Sachen Saugtechniken in diese – kostengünstige – Wüste. Captain Ködel hatte keine Ahnung, worum es in der Wissenschaft der Saugtechniken ging, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Er hatte das dazugehörige Diplom seinerzeit an einer Jahrmarktsbude geschossen. Deshalb zeigte er sich verwirrt bis verstört auf die Ergebnisse einer ersten Internetzrecherche, die ihn auf dunkle Seiten und Abwege führten, die Erwachsenen vorbehalten waren …
Und so verließ er die Villa Fotzenfroh mit eher verhaltener Vorfreude und machte sich auf zum Ort der Fortbildung. Captain Ködel musste, um das Hotel verlassen zu können, über eine Leiche steigen, die sich im sonnenübersäten Eingangsbereich wie selbstverständlich und in aller Ruhe ausblutete und um die sich niemand zu scheren schien. Der Captain kombinierte eingedenk des Halalis, dessen Zeuge er bei seiner Ankunft in Drückeberg geworden war, dass es sich um einen Ausländer handeln müsse.
Auf dem Marktplatz steuerte ein Kleintransporter um Haaresbreite an ihm vorbei und raste in eine Gruppe Passanten, ein Hobby, welches sich landesweit zunehmender Beliebtheit erfreute. Es entspann sich eine regelrechte Jagd, die den Lahmen und den Schwachen zum Verhängnis wurde. Erst ein leerer Benzintank stoppte die verwegene Fahrt. Ein Augenzeuge meinte, es könne sich bei dem Attentäter unmöglich um einen Teutonen handeln, denn Teutonen liebten nicht nur den teutonischen Wald, sondern auch ihre Autos. Ein guter Teutone würde niemals die Gesundheit seines Wagens aufs Spiel setzen. Die Umstehenden sahen das genauso. Sie krempelten ihre Ärmel hoch, zogen den Amokfahrer aus dem Wagen und gaben ihm Saures.
Am Tagungsort, dem Voll & Voller, einem Imbiss mit Kegelbahn und angeschlossenem Swingerclub, herrschte dichtes Treiben … wie Schneegestöber. Saugtechniker allerlei Geschlechts hatte es aus allen Teilen des Reichs nach Drückeberg verschlagen. Der Veranstalter, Herr Hotte Hü, musste auf den Imbisstresen wie auf einen Berg klettern, um sich zum einen einen Überblick zu verschaffen und zum andern von seinen Schäfchen wahrgenommen zu werden. Er war nicht nur klein von Statur, sondern auch klein, was Geist und Stimmstärke betraf. Und so dauerte es, bis er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf sich hatte lenken können. Es stellte sich heraus, dass Herr Hü mit dem Begriff Saugtechnik auch nicht viel anzufangen wusste, und dass ihn eine erste Internetzrecherche auf Abwege geführt hatte. Trotz alledem gelte es das Beste aus der Sache zu machen, wenn man schon zusammengekommen sei. Und so wurden Gruppen gebildet, die auszogen, um aus parkenden Autos mittels Schlauch Benzin abzusaugen; andere wurden von sachkundigem Personal: von Voll und Voller, den Imbissionären, in die hohe Kunst und die Geheimnisse des Cocktailtrinkens mittels Strohhalm eingeweiht; wieder andere wurden von Frau Hüa Hü, die mit Herrn Hü weder verwandt noch verschwägert war, mit dem Begriff des Staubsaugers, mit seinen Erscheinungsformen und seinem Gebrauch vertraut gemacht; und wieder andere begaben sich in die Obhut geübter Blowjobber, die im Swingerclub und auf der Kegelbahn ihrer Berufung oblagen … Captain Ködel schloss sich als eher praktischer Mensch der Gruppe um Herrn Hotte Hü, den Benzinvampiren, an, obwohl auch die Staubsauger und Frau Hü eine gewisse Anziehungskraft hatten. Hotte Hü trug im Freien stets ein mit Nationalfahne gespicktes Käppi, um Missverständnissen vorzubeugen und nicht als Jagdwild zu enden. Einige Male geschah es dennoch, dass auf ihn und einige andere irgendwie anders Aussehende geschossen wurde, aus vorbeifahrenden Autos, aus dem Hinterhalt … Herr Hü tat diese Unfreundlichkeiten mit der Bemerkung ab, dass man sie nicht persönlich nehmen solle. „Sie wollen nur spielen“, entschuldigte er jedes Mal die Schützen.
Am Abend, nach verrichteten Dingen, mit Lerneffekten und Aha-Erlebnissen im Gepäck, strebte Captain Ködel zum Schützenhof. Auf einer Brücke rempelte ihn eine Rotte Halbwüchsiger an, denen mit einigem Abstand ihr Lehrer wie ein geprügelter Hund, mit hängenden Schultern und gesenktem Blick, folgte. Auf den Protest des Captains hin verzogen sich die Mundwinkel einiger Milchgesichter zu feistem Grinsen. Ein Milchgesicht zog ein Handy für lustige Aufnahmen, die man ins Netz stellen konnte, hervor, ein anderes ließ ein Messer hervorspringen. Doch bevor sich die Klinge in sein Bauchfett bohren konnte, wurde Captain Ködel über das Brückengeländer hinab in den Fluss gestoßen. Nur mit Mühe entkam er einer mitreißenden Strömung und erreichte das Ufer, wo ihn anstatt Hilfe die Witze einiger Drückeberger erwartete, Aufgetaute mit Vornelanghintenkurzfrisur,
Bierbauch und Fan-T-Shirts der Fußballweltmeisterschaft von 1990. Die Aufgetauten sahen sofort, dass Captain Ködel kein Eingeborener war, und so kippte die Stimmung ins Feindselige. Rufe nach Scheiterhaufen wurden laut, nach Teeren und Federn … Und so nahm der Captain seine Beine in die Hand und suchte das Weite … und fand den Schützenhof.
Dort drehten sich apfelgespickte Ausländer am Spieß über flackernden Flammen um ihre eigene Achse, andere wurden auf der Festwiese ausgepeitscht und durchgeprügelt, wieder anderen wurde von Jagdhunden nachgestellt …
Jener Waidmann, der ihn nach seiner Ankunft in Drückeberg mit angeschlagenem Gewehr bewillkommnete, nahm den durchnässten Captain in Empfang und führte ihn über das Gelände. Am Schießstand wurde dem Gast eine besondere Ehre zuteil. Er durfte mit einer antiken Trichterflinte auf Ausländer schießen, die so lange von einer Seite zur andern gehetzt wurden, bis es beim besten Willen nicht mehr ging. Die Angst und das Grauen der Opfer sorgten bei den Schützen für ausgelassenste Heiterkeit. Ein Teutonischtümelnder äußerte nebenbei, dass das gesunde Volksempfinden Vergeltung für die nachmittägliche Amokfahrt gefordert und gefunden habe. Es sei eine Ausländerunterkunft gestürmt und hundert Geiseln genommen worden. Diese seien gefesselt und geknebelt zum Marktplatz getrieben und dort zur Abschreckung von Nachahmern per Genickschuss eine nach der anderen dorthin geschickt worden, wo sie hingehörten. Es seien zumeist erwachsene männliche Personen unter den Gerichteten gewesen, schließlich sei man ja kein Unmensch.
Als sich Captain Ködel am nächsten Morgen zum Voll & Voller aufmachte, musste er, um die Villa Fotzenfroh verlassen zu können, wiederum über eine Leiche steigen, die sich im sonnenübersäten Eingangsbereich wie selbstverständlich breit machte und um die sich niemand zu scheren schien. Der Captain war sich sicher, dass es sich um eine frische Leiche und nicht um die vom Vortag handelte, da das Blut, in dem der Körper schwamm, noch nicht getrocknet war.
Herr Hü war unter den obwaltenden Umständen bei bester Laune, zum einen, weil er noch immer am Leben und sogar unverletzt war und zum andern, weil er hoffte, Drückeberg schon sehr bald lebend wieder verlassen zu können. Die Urkunden, die er seinen Seminaristen überreichte und die sie als erfolgreiche Absolventen römisch Eins für angewandte Saugtechniken auswiesen, waren voller Fingerabdrücke, die vor Angstschweiß glänzten. Die Benzinvampire hielten es um ihres lieben Lebens willen für geraten, nicht noch einmal mit Schlauch und Kanister hinaus ins Feld zu ziehen. Einige schlossen sich der Cocktailgruppe an, darunter auch der eher praktisch veranlagte Captain Ködel, andere versuchten sich unter Anleitung von Frau Hü im Staubsaugen, und wieder andere zog es in Swingerclub und Kegelbahn, in der zur Feier des Tages Paleale Pete and his thursty throats ganz groß aufspielten. Welche Freude, wenn Pete und seine durstigen Kehlen über die Kugeln hüpfen mussten, die unaufhörlich auf sie zuschossen, welche Begeisterungsstürme, wenn eine Kugel die Basstrommel durchschlug und den Schlagzeuger zu Schmerzensschreien zwang …
Während der Nacht vermischten sich Traum und Wirklichkeit: Mit Anbruch der Geisterstunde tauchte ein Drückeberger vor dem Captain auf, aus der Finsternis, ein Bauchmann mit Pudel im schwachen Laternenschein einer menschenleeren Kreuzung. Der Bauchmann meckerte, der Pudel bellte … in einem fort … Zur Überraschung des Captains hatte der Bauchmann keine andere Waffe als seine bellende Kotkanone bei sich. Konnte er sich also wehren … endlich … und er wehrte sich: Er riss dem überraschten Bauchmann die Leine aus der Hand, so dass der Hund in der Luft hing und ihm das Bellen verging; dann warf und wickelte er die Leine um den Hals des Bauchmanns, so dass auch diesem die Luft und das Meckern verging …
Als es am nächsten Morgen hieß, Drückeberg und seinen Drückebergern für die Gastfreundschaft zu danken und ein letztes Lebewohl zuzurufen, musste Captain Ködel wiederum über eine Leiche steigen, die sich im Eingangsbereich der Villa Fotzenfroh in der Sonne räkelte. Als er den Bahnhofsvorplatz erreichte, froh, weder dem Straßenverkehr noch der Jugend oder irgendwelchen Aufgetauten zum Opfer gefallen zu sein, empfing ihn eine Abordnung der Jäger mit Blasmusik und der ebenso schönen wie schwermütigen Weise Kein schöner Land, welche sie ihm zu Ehren unter der blühenden Linde zum Besten gab. Währenddessen löste sich Freiherr von Zuviel und Weggestrichen, der hinlänglich bekannte Waidmann, aus dem Jägerpulk, trat auf Captain Ködel zu und löste die Kokarde von dessen Revers. Er sagte, dass der Captain sie jetzt, da er scheide, nicht mehr brauche und wünschte ihm eine gute Reise. Sodann streckte er den Nichtsahnenden, der ihm den Rücken zugekehrt hatte und auf die Bahnhofshalle zustrebte mit gezielten Schüssen aus seiner Bockbüchse nieder.
