Auf absteigenden Ästen

Sie klettern schon hysterisch aus dem Schlaf. Sie suchen den Himmel und gehen durch die Hölle. Sie sind so unendlich unglücklich auf ihrer endlosen Jagd nach dem Glück. Als Kinder wollen sie Rennfahrer werden, Astronauten, als Erwachsene sind sie Laubbläser, Harnbeschauer, Armleuchter, Halbmondbläser … Und die fettgepolsterte Bequemlichkeit hält ihre Ausreden parat, und nicht nur sie. Anstatt zu lernen, zu wachsen, sich auszubilden, spielen sie lieber mit ihren Geschlechtsteilen. Und tanzen ums goldene Kalb: Triebnaturen, die von allem zu viel haben: von Angst und Arbeit, von Plastiktüten, Klopapier, vom Leben, von sich und allen anderen. Alt geboren, jung gestorben. Und selbst die Lampions wiegen sich wehmütig im Wind …

Auf der Waage des Lebens zwischen Lust und Frust, im Erlebniseinerlei beginnt es mit einem Witz, und es endet in der Gaskammer. Da wirkt die Erinnerungskultur am Tag des Zusammenbruchs wie alkoholfreies Bier: dienstliches Gedenken nach Vorschrift und Terminkalender, aufgesetzte, einstudierte Betroffenheit, schlaff erhobene, den Anfängen wehrende Zeigefinger.

Menschen mit Meinungshoheit, harmlos wirkend wie Zierfische, mit Milchgesichtern, Blahbaren, furzende Flöhe fachen Scheiterhaufen unter dem Applaus von Aggrobräuboys und Dielenjungfern an, unter dem Schirm und Schutz der uniformierten Obrigkeit, von Recht und Gesetz auf zwei Beinen. Die Aggrobräuboys und Dielenjungfern fühlen sich nicht als Subjekte der Politik, sondern als Objekte der Macht. Sie wählen wütende Zierfische zu ihren Sprachrohren, zu ihren Führern, Blahbaren und furzende Flöhe mit der Sprache des Feuers in den Milchgesichtern. Doch Reaktionäre gehören nicht ins Parlament, sondern in die Wüste! Allen Katastrophen, allen Lehren zum Trotz verlangen Aggrobräuboys und Dielenjungfern nach Großgrollenden, nach politischen Grotesktänzern, die ihnen wehrlose Anspuckpartner präsentieren. Die Getretenen wollen selber treten. Und in Polen einmarschieren. Und die Zeit läuft, und wir alle laufen mit, wir drehen uns mit dem Uhrzeiger immer und immer wieder im Kreis. Und dann kommen die gebrauchten Tage. Und dann will mal wieder niemand etwas gewusst haben. Und die Massenmörder wollen, dass man freundlich zu ihnen ist.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Sein letztes Lächeln, Container Press, Walheim, 2020. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …