Galgo Español

Dann schlägt da einfach dieses schräge, metallische Kreischen in der undurchdringlichen Stahltür ein. Sein halbes Leben sitzt der Gefangene inmitten dieser vier Kreidewände und spuckt Staub und dann, ohne irgendeinen Hinweis, ein Bombenhagel aus Geräuschen. Ein schriller Zug, der in seinem Ohr entgleist. Draußen öffnet einer die Tür.

Sie dringen ein, Menschen von außerhalb, drei, vier, fünf, nein Hunderte, es werden immer mehr, immer dichter; die Wärter werden zur Flüssigkeit und drohen den Gefangenen zu ertränken. Platz wird geschaffen und aus der ungewöhnlichen Menschensuppe inmitten der engen Zelle taucht etwas auf – ein Anderer, ein Grinsender, ein Irrer. Sie werden ihn hier lassen.

Kleidung ohne Farbe und ein Handtuch ohne Farbe werden dem Anderen auf dem farblosen Bett an der Wand gegenüber bereitet; das Bett, ein Bett, jetzt sein Bett. Ein zweites Feuerwerk aus Eisen besiegelt diese neue, fast quadratische Nation. Und dann ist da wieder nur noch Staub und Kreide und dieser feucht triefende Fremde. Krank, ansteckend sieht er aus, ganz gelblich.

»Und, was hast du gemacht? Kannst mich Bergmann nennen.«

Der Gefangene wird den Anderen niemals Bergmann nennen.

»Ach, komm. Soll ich dir sagen, was ich gemacht hab? Wieso die mich hier reingesteckt haben, mein‘ ich.«

Während der Andere seinen Gummibund öffnet und die pappige Einheitshose herunterzieht, ist er sich nicht zu schade, dem Gefangenen unentwegt in die Augen zu starren. Beherzt lässt er sich auf die Flugzeugtoilette unter dem Fensterschlitz fallen. Er sitzt breitbeinig, sodass der Gefangene es irritierend fände, seinen starken Kloblick zu erwidern, während er spricht.

»Hab‘ se alle verhungern lassen. Vier Mädchen, ausgezeichnete Rassehündinnen, und eine hat mich mehr geliebt als die nächste, glaub mal.«

Das Platschen in der Schüssel klingt dumpf, beschämt den Anderen aber nicht im Geringsten und gibt seiner Erzählung nur so etwas wie einen Takt.

»Das ist das einzig Wichtige bei der Hundezucht. Galgo Español – Spanische Windhunde. Weißte, die sind immer gertenschlank und schön wie zehntausend Sterne, aber das Wichtige, das wirklich Wichtige ist…« Seine Pointe wird durch ein letztes Platschen unterbrochen. Von vorne wischt er ab, von vorne! Das Papier knüllt er vorher leicht. »… Ach, weißte, Liebe ist eben etwas ganz Biologisches, das hat so ein Hund einfach drin oder eben nicht. Beim Aussehen geht es bei den Galgos eigentlich nur um die Farbe, wie Außerirdische oder so sehen die eh alle aus. Aber ein guter Hund ist eben ein guter Hund und ein schlechter ein schlechter.«

»Welche Farbe haben deine denn?«

»Na endlich.«

»Endlich was?«

»Das ist jetzt ein echtes Gespräch, was wir hier führen, mein Freund.«

»Finde ich nicht.«

»Drei waren falb und eine war weiß. War das deine Frage?«

Per Vakuumabzug werden die Hinterlassenschaften des Anderen aus der Kalkzelle entfernt; er lässt sich auf den für ihn abgesteckten Bereich nieder, ohne das Waschbecken auch nur zu beachten. Ein halbes Leben lang nur Staub und Kreide, nur Staub und Kreide, und dann ist da einer, ein Anderer, und einen Moment später will der Gefangene nur noch den Staub zurück. Er dreht sich zur Wand, will nicht interessiert wirken. Unentwegt dringt der schwarze Atem des Anderen in sein Ohr, seine Lunge, verpestet die Luft mit zähen, stinkenden Molekülen.

»Weißt du, was falbfarben ist? Wie das aussieht?« Dicke Rauchwolken, wahrscheinlich aus dem offenen Mund des Anderen, verteilen sich fließend im Raum.

»Hast du die Hunde jetzt wirklich alle umgebracht?«, der Gefangene kann seine Abscheu nicht verbergen.

»Falb gibt es eigentlich nur in der Tierzucht. Das ist keine richtige Farbe, nur für Fell eben.«

»Ob du sie umgebracht hast.«

»Töten is ja ’ne aktive Sache. Sterbenlassen wär wohl ein besseres Wort. Aber nicht die Weiße.«

Ein halbes Leben nichts als Staub und Kreide, und dann kommt da ein Anderer und spricht nur von toten Hunden und kackt.

»Soll ich dir erzählen, was passiert ist?«

Der Gefangene antwortet nicht.

»Vielleicht weißt du es ja auch schon.«

»Ich will es gar nicht wissen, okay?«

Er kann den Anderen hinter seinem Rücken spüren, wie er da mit auf den Knien aufgestützten Ellenbogen hockt, ihn vornüber gebeugt mustert und Schwärze speit.

»Was hast du denn gemacht? Was glaubst du, wieso du hier bist, Mann?«

Ein absurdes Gespräch, völlig ungefragt. Der Schritt ins Leere. Man erwartet noch eine Stufe mehr, aber da kommt einfach keine, ein Würgen zieht durch den Körper und der Fuß schlägt unerwartet hart auf dem Boden auf. Sein halbes Leben wartet der Gefangene auf einen anderen, und dann das. Eine Treppenstufe zu wenig.

»Irgendwann war jedenfalls die Weiße weg. Weißte, du hast da ’ne Hündin, ziehst se groß, gibst Zeit und Liebe und alles, und irgendwann isse einfach weg. Ich hab die geliebt, Mann, und die mich noch mehr, von Natur aus einfach.«

»Und wo war sie?«

»Das weißte doch. Wollte ich jedenfalls auch wissen. Hab die anderen geschickt zum Suchen und auch selbst gesucht, das kannste mir glauben. „Ihr kommt mir nicht ohne die Weiße zurück“, sag ich. Kamen se aber.

Gebettelt haben se. Drei Tage lang kommen die Hündinnen andauernd ohne die Weiße an, erst als se richtig Hunger haben, da bringen se mir die endlich. Mausetot.«

»Und dann?«

»Dann hab ich se zum Teufel gejagt, alle drei. Zwei Tage haben se noch heulend vor der Tür gesessen und dann nicht mehr. Genau wie die Weiße.«

Der aufdringliche Blick im Rücken des Gefangenen ist physisch zu spüren, wie ein Griff, in dem der Andere ihn jetzt hält. Er verachtet diesen stinkenden Sack voll Teer im Bett gegenüber und er weiß, dass der Andere das weiß. 21:00 Uhr. Licht aus.

»Jetzt schämst du dich«, sagt der Irre ins Dunkle, »aber du weißt, dass se alle irgendwie verschlagen waren. Verschlagen und schlecht. Ein Hund hat das eben drin oder nicht, besonders diese Spanischen, da ist ja auch oft Straßenköter drin.«

»Meinst du, die anderen haben die Weiße getötet?«

»Vielleicht.«

»Vielleicht nicht …«

»Das stimmt doch nicht. Sind jedenfalls alle tot. Und du, Mann, wirkst ziemlich allein.«

»Ich bin hier gerne.«

Der Andere lacht.

»Ich hab hier ein Foto von der Weißen – dachte, das freut dich.«

Ein Stück Papier piekt dem Gefangenen in den Rücken. Raunzend tastet er mit den Fingern danach. Sein Arm ist zu kurz – wie ein fallender Baum, wie eine Lawine wendet er sich um und erfühlt das beschichtete Blatt. Nur Dunkelheit und ein Stück Papier.

»Du weißt, dass es dein Hund ist«, sagt der Andere in auffallend korrektem Ton. »Wann hast du zum letzten Mal mit jemandem gesprochen? Mit einem echten Menschen von der anderen Seite der Tür meine ich.«

Der Gefangene zerknüllt sein Foto, ballt die Hände.

»Weiß nicht.«

Irgendwo bewegt sich der Andere, wie eine Spinne wandert er die Wände hoch, kriecht die Decke entlang, atmet dem Gefangenen ins Gesicht.

»Und … Wie bist du denn nun hier gelandet? Wer bist du denn eigentlich hinter dieser Tür? Ja. Ich. Genau. Vermisst du sie manchmal?«

»Ich vermisse sie alle …«, flüstert der Gefangene mit erstickter Stimme.

»Ja. Du hattest se wirklich gern, ne? Du weißt, dass es deine waren. Du bist hier ganz allein.«

Eine Treppestufe zu wenig, ein Schritt ins Nichts. Nur der Gefangene und seine Schuld, die den gesamten Raum mit Scheiße und schwarzem Qualm verdunkelt hat. Er ist allein im Staub.

»… Woher hast du das Foto?«

© Sally Barth – Quelle: „Abwegich“, Anthologie. Gorilla Verlag, 2016.

Dann – ein akustischer Autounfall. Erst flackernd, dann blendend schaltet sich das Licht wieder ein, im Hintergrund heult und schreit die Tür. Der Andere sitzt unbewegt auf dem Bett gegenüber. Damit er seinen Körper nicht wenden muss, knickt der Gefangene den Kopf nach hinten ab bis sein Nacken schmerzt, um etwas zu sehen.

»Ach, das war’s schon, was?« Amüsiert begrüßt der Andere die Millionen von Wärtern, die sich an der offenen Tür sammeln.

»Das war’s schon. Bitte kommen Sie mit.«

Die Wärter packen den Anderen bei den Armen, ziehen ihn ungeduldig hoch.

»Nein, warte! Du kannst jetzt nicht einfach gehen! Wo ist das Foto? Wo ist das Foto?!«

Der Gefangene springt auf, blind befühlt er sein gesamtes Laken, sucht wie ein Irrer, kann aber nicht richtig sehen, er findet nichts.

Hier gab es vorher nie ein Foto, hier ist nie etwas gewesen, nur Kreide und ein Klo. Da war wirklich einer, ein Anderer, und plötzlich stinkt alles nach Scheiße und es gibt ein Foto inmitten des immergleichen Staubs, das es nie gab, der Gefangene weiß es, er hat es selbst in den Händen zerknickt. Das ist nicht sein Hund und nicht sein Foto, vielleicht ist nicht einmal ein Hund auf diesem Foto abgebildet. Der Andere hat es von draußen mitgebracht, ihn lächerlich gemacht. Da war wirklich einer, ein Giftiger, ein Irrer. Die Millionen umkreisen jetzt sein Bett, nicht mehr das des Anderen.

»Beruhigen Sie sich, Herr Bergmann. Sie können hier bleiben und gleich weiter schlafen.«

»Nein! Das ist nicht mein Foto, das ist nicht mein Hund! Wo isses? Wo? Er muss es wieder eingesteckt haben! Der Andere muss es haben! Ich wurde getäuscht!«

Schreiend wirft er sich zu Boden, greift durch die Beine der Pfleger hindurch nach dem Anderen; fühlt ihn, kratzt ihn, versucht, mit den Zähnen nach ihm zu schnappen.

»Nein!! Sag es! Sag es, Mann! Das ist nicht mein Hund auf dem Foto!«

Man reißt ihn zurück, er kratzt echte, rote Spuren in das Bein des Anderen. Der Gefangene hört den Scharlatan lachen, er selbst wird flach auf sein weißes Bett gedrückt wie ein Bekloppter. Das Bett, jetzt ein Bett.

»Brauchen Sie etwas zur Beruhigung, Herr Bergmann?«

»Ich hatte nie einen Hund! Ich hatte nie einen Hund!!«

Er kämpft, schäumt, tobt, und der Andere lacht nur immer lauter, läuft grinsend die Decke entlang und wackelt mit dem Foto. Kein weißer Windhund, schwarz, nur schwarz, ein überbelichtetes Polaroidbild.

»Ich hatte nie einen Hund!«

Der Andere verschwindet und mit ihm, als hätte man einen Badewannenstöpsel gezogen, fließen auch die Millionen aus der Tür. Man schließt ab, dann wieder, dann wieder. Und nochmal. Der Gefangene weiß überhaupt nicht, was falb ist. Licht aus.

»Ich hatte nie einen Hund.«


Mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus der Anthologie „Abwegich„, Anthologie. Gorilla Verlag, 2016.

Veronika Paetsch

Die 1990 in Köln geborene Veronika Paetsch studiert derzeit International Business in Ludwigshafen. Während ihrer Au-pair-Zeit in Sydney konnte sie einige literarische Wettbewerbe bestreiten.

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