Zu viel von zu wenig

 Nur ein winziges Stück Blau am Himmel zum atmen, aber da ist nichts. Eins, zwei, drei, vier… meine Arme sind schwer wie Blei – fast nicht zu schaffen. Es kann einfach nur der fehlende Sauerstoff sein. Das fühlt sich alles andere als gut an. Ich ziehe die Augenbrauen eng zusammen und versuche, der Intensität des Taubheitsgefühls nach zu spüren und würde mich am liebsten auf den Boden legen. Ich denke an dich und lege meinen Kopf an deine Brust.

Ein angestrengter Blick aus dem Fenster – immer noch nichts. Es schneit. Gestern hatte es noch geregnet und heute liegen erfrorene Regenwürmer im Rinnsteig. Der Sinn ist mir abhanden gekommen, keine Ahnung, wann das war. Bin derzeit zu müde zum Suchen. Im Moment scheint nichts von dem, was ich tue Sinn zu machen. Du streichelst mir übers Haar.

Ich bin extrem reizbar und will hier mit niemandem mehr reden. Was ich sage klingt verbittert und höre nur lustlos zu mit einem Gesichtsausruck, der nur noch grenzenloses Genervtsein, oder ist es Verzweiflung zum Ausdruck bringt. Das alles kostet mich Unmengen an Energie – vergeudete Energie! Ich komme einen Moment lang zur Ruhe in deiner Umarmung.

Die Stunden verschwimmen im Zeitgewaber wie die Gedanken in meiner Hirnsubstanz. Intuitives Coden. In den paar aufblitzenden Momenten von Konzentration kann ich zum Teil nicht mehr nachvollziehen, wie ich was zum Funktionieren gebracht habe. Auf dem Flur schneidet die aggressive Stimme und hysterisches Lachen von Leila die Luft, frißt sich in mein Ohr und klirrt an meinen Nerven. Ich zucke zusammen und schließe leise die Tür. Bestimmte Frequenzen können mich in den Klangwahnsinn treiben. Du ergreifst meine Hand und streichst sanft über meine Finger.

Der Widerwillen tobt schon seit Wochen in meinem Kopf. Die entzündeten Augen kleben müde am staubigen Bildschirm. Die Finger bewegen sich nur mühsam auf der Taststatur. Du legst vorsichtig und flüchtig deine Lippen an mein Ohr.

Es klopft am Fenster. Anton steht auf dem Hof. Es ist schon ’ne ganze Weile dunkel und ich kann ihn durch das Gegenlicht kaum erkennen. Er winkt und wirft mir einen Handkuß zu, dann macht er sich auf den Heimweg. Das ringt mir ein kleines, gequältes Grinsen ab, auch wenn ich keine Ahnung hab, was in seinem Kopf so vorgeht und lieber auch nicht wissen möchte. Dein Körper spendet mir Wärme.

Ich muss etwas unternehmen, dass es mich besser ertragen läßt. Ich muss nachdenken. Meine Nackenmuskeln schmerzen. Dein liebevoller Blick lässt alles in mir zusammenbrechen.

Stunden später komme ich raus. Die Kälte springt mich an und krallt sich an alles, was sich nicht unter dicken Stoffschichten befindet. Der eisige Wind sucht nach Schwachstellen und reißt an meinen Klamotten. Die Tränendrüsen fangen sofort an, ununterbrochen Wasser zu produzieren. Verflucht! Wo sind meine Handschuhe? Mein Gesicht ist schon ganz nass und brennt, was alles nur noch schlimmer macht. Ich nehme nur zögernd eine Hand aus der Manteltasche. Mit zitternden, kalten Fingern wische ich die Tropfen vom Kinn. Es ist sinnlos, sofort bilden sich neue. Ich kralle die klammen Finger wieder in den Mantelstoff. Den verschwommenen Blick auf die menschenleere Straße geheftet, warte ich wie versteinert im Scheinwerferlicht der Straßenlaternen auf den letzten Bus. Meine Tränen lassen einen großen nassen Fleck auf deiner Jacke entstehen.

Xenia.Diaz.Orejarena

relativ_flüchtige_Ansammlung_von_Sternenstaub ("Ethnologin", "malen", "schreiben", "programmieren", "fotografieren", ...); // in enger Verbundenheit zum Chaos älter werden...

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