Sonne, Mond und Sterne …

Vergilbte Blätter warten auf den nächsten Regen, den nächsten Windstoß, um von Bäumen und Sträuchern abzufallen; Fronarbeiter auf fahrbaren Rasenmähern stutzen in geometrische Formen gezwängte Grasflächen längsseits der Straßen, zwischen Parkplätzen auf Normlänge; Laubbläser, Straßenkehrer und Papierpicker überall, es gilt, eine Republiklandschaft, eine Reicheleuterepublik zu scheiteln und zu striegeln, wo kein überzähliges Wild, kein Unkraut den geordneten Gang der Dinge stört.

Als Stöhnschön Schönstöhn das Haus verlässt, wirbelt ihm der Wind seinen Seitenscheitel durcheinander. Alles um ihn herum brennt: die Menschen, die Maschinen; nur er brennt nicht, noch nicht … Die Wolken weinen, als ob sie nie etwas anderes tun würden, als ob das ihr einziger Auftrag wäre. Die Bauarbeiter brüllen und blöken, als ob sie nie etwas anderes getan hätten, als ob Brüllen und Blöken ihre einzige Aufgabe wäre. Stöhnschön Schönstöhn erschrickt über seinen Auswurf: Ein stinkender Schleimfladen, der den Glauben, die Hoffnung auf ein langes Leben unter sich begräbt. Der Schönstöhn muss vom Glaubenssatz, wonach Milch Lunge und Leber reinige, abfallen, denn für eine Reinigung, hustet der Auswurf, sei es längst zu spät. Herr Schönstöhn muss sich mit einer Lebensfrist von dreißig, vierzig Jahren bescheiden, immerhin ein Leben im Schlaraffenland, fern jeden Hungers, jeden Krieges … Was will er mehr, was ist mehr zu erwarten als Wiederholungen und die Last und Leiden des Alters? Eine Gnadenfrist, eine langgezogene Sterbekurve, eine fortgesetzte Flucht vor dem Tod. Stöhnschön Schönstöhn denkt nach, geht in sich, dann spuckt er aus und erwägt, von Milch auf Cognac umzustellen.

Herr Schönstöhn ist eine bekennende Null. Sein Lieblingstier ist Luft. Gern möchte er so sein wie sie: unsichtbar und überall. Wie Wind will er sein, wie ein laues Lüftchen, das hier etwas bewegt und dort schon nicht mehr. Er möchte sich jederzeit aus dem Staub machen können. Mensch mag er nicht sein, sondern freier Wind, eine Pfanne oder ein Bleistift … Schönstöhns Freizeit gehört der Kunst des Modellbaus. Burgen und Schiffchen aus Klopapier bastelt er, als ob die Welt darauf gewartet hätte. Sie wartet, nur nicht aufs Klopapier.

Jeder Mensch hat die Wahl zwischen Ficken und Freiheit. Wer sich für ersteres entscheidet, darf sich nicht wundern, wenn er früher oder später an einem Nasenring durch die Manege geführt wird. Alle Menschen um Herrn Schönstöhn herum lieben, selbst die Schurken. Deshalb will auch er verliebt sein, will geliebt werden. Deshalb ist er wieder soweit: Mit einem Lächeln, mit einem Kompliment wirft er sich vor fremde Füße. Schon wieder eine Frau über die seine Flucht vor dem Alleinsein stolpert, wieder eine Frau mit kalten Augen und kalter Schulter. Dem Schönstöhn dämmert, dass sein Traum, sein Sehnsuchtsstern ein Irrlicht ist. Wenn er seine wahre Bestimmung wahrnehmen würde – das Angeln! – wenn die Hormonorkane der jungen Jahre abebben, dann wird er endlich eine Zeit erleben, die ihm nie zu lang wird!

Wenn es nicht schon einen Kaiser gäbe, träumt er, würde er es werden, Stöhnschön Schönstöhn, der Retter des Abendlandes aus dem Morgenland. In seinen Tagträumen sieht er sich in den fanfarenden Mäulern televisionärer Sprachbläser. Herr Schönstöhn wär so gern ein Dichter, Verdichter der Langeweile, Schiefdenker, Verbreiter schlechter Launen … Das Dümpeln und Plätschern in den Brackwassern herkömmlicher Ästhetik überließe er götheschillernden Streberseelchen und Hornbrillos, Fahlhäutern und Blässechefs, Krämerköpfen und Erbsenzählern … Dichtung, Verdichtung der Langeweile sei Alltagsterrorismus, Terrorisierung aller Alltäglichkeit. ‚Und wenn ihr mich nicht haben wollt‘, träumt er in die Welt hinaus, ‚dann mache ich mein Arschloch auf und lasse es euch sehn.‘

Sein Hirn ein zugefrorener Tümpel, sein Herz ein grauer Gletscher, auf dem er mit Hallo und Hurra in den Infarkt hinabrauscht. Seine Nerven zerrissene Gummibänder, windzerfetzte Fahnen, auf denen das Leben lastet wie der Fuß auf der Spinne. Warten … unter Schmerzen, voller Wut und Ungeduld, Warten … auf die Sonne, auf den Mond … Warten … bis es floskelt: „Ruhe sanft, ruh` in Frieden!“.

Auf den Straßen flötende, trötende Spielmannszüge, von Verbrennungsmotoren an- und aufgepeitscht, mit Benzin gespeist, jäh aufschreiende Kinder, heulende Sirenen, maulende Ladenhüter des Gesetzes, auflaufende Gaffer, umherwirbelndes Konsumvolk, Schnellwelkgewächse, die von der Strömung mitgerissen werden, vom Volksstrom verschluckt wie Regentropfen von einem Ozean, ein Meer aus gleichgültiger Geschäftigkeit. Maschinen und Maschinenmenschen wogen hin und her, her und hin, Bauchbürger branden auf und ab … In den Häusern aufschnarchende Schläfer – im eigenen Saft schmorend – Spießer in Aspik – Pritschenmeister, laut auffressende Hungerleider des Geistes, die ihre Lustballone steigen lassen … Ständig sitzen sie zusammen und machen Geräusche: Rederegen, mit Überschallgeschwindigkeit. So rauscht es den ganzen Tag, Tag für Tag. Sie versitzen und versabbeln ihr Dasein. Sie sitzen im Trockenen, im Warmen, sie rauchen, trinken und dehnen ihre Stimmbänder. Sie stellen ihre Meinungen zur Schau – ein jeder für sich – sie stellen sie in Raum und Zeit. Sie haben keinen Grund zu schweigen, sie reden, auch wenn sie nichts zu sagen haben. Sie sabbeln, also sind sie. Immer und überall maulende Mäuler, Meinungen zum Schleuderpreis, Meinungen wie fallende Beile, wie Genickschüsse. Gegen Lärm und Gelaber helfen Ignoranz und Ohrenstöpsel, gegen Gestank Mundatmung, fest verschlossene Fenster, Nasen und Türen, gegen Torheit hilft Schlaf, hilft Einschläfern!

Was ist zu tun, wenn der Geist in einem Bombenkrater kauert, wenn er alles zerstört, was sich ihm bietet? Nichts. Nicht alles kaputtmachen, auch wenn Dr. Tod hinter jeder Ecke lauert, wenn wertvolle Sekunden an seinen Beinen hinabrinnen. Denn das Dasein ist mehr als ein fortwährendes Abschiednehmen. Dann greift Kultur. Manchmal greift sie auch an.

Stöhnschön Schönstöhn fährt aufs Land. Das Land, so flach wie eine ausgestreckte Hand, will nicht in den Kopf. Ein Meter kann eine Ewigkeit bedeuten, eine Einmeterewigkeit, oder ein Berg, eine Waschmaschine … Es sitzt ein Wald im Wald und frisst sich einen Wanst an, bevor er geschlagen wird: von Zupackenden, in die Hände Spuckenden, bis vom Wald im Wald nichts als Trauer übrig bleibt, die sich wie ein Wasserfall in die Tiefe stürzt.

Der Tag verreckt, eine auslaufende Zeitkonserve. Lichtsäulen aus Scheinwerferaugen irren über Fahrbahnen und Felder, bis sie vor geduckten Hofgebäuden auf freier Wildbahn halten. Im Stall wimmelt es von Kindern: verfaulende, verschorfte, himmelhochstinkende. Stöhnschön Schönstöhn wirft den Gören Bioabfälle zum Fraß vor, Essensreste aus der Nachbarschaft, Zusammengeklaubtes aus seiner näheren Umgebung. Die Bälger balgen sich um die Leckerbissen, Kopfwunden platzen auf, Blutbäche rinnen über Stirne, rieseln Nasenflügel entlang, zwischen zerrissene Lippen, über gemästete Bäuche … Plötzlich schreit die Nummer einsvierdreizwei, der Größte der Kleinen, auf, plötzlich bricht aus ihm ein Wutvulkan hervor, Speichelblasen vor dem Madenmund. Er spritzt und sprüht aus allen Körperöffnungen, denn schon spürt er das Bolzenschussgerät an seiner Schläfe. Doch ehe er seinen Weg in die Pfannen und Töpfe der Welt antreten kann, wird sein Henker von allen Seiten angefallen. Herr Schönstöhn hat sein Mastvieh nicht sättigen können, und so hält es sich an ihm schadlos, bis nicht viel mehr von ihm übrig ist als ein laues Lüftchen, das hier etwas bewegt und dort schon nicht mehr.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Sein letztes Lächeln, Container Press, Walheim, 2020. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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