Improvisation in acht Sätzen

Eine Träne macht noch kein Ende. Auch wenn das Ende nah ist. Und wie schnell das Ende kommen kann, las Karl-Friedrich in dem Brief, geschrieben von seiner Frau Laura an Mona ihre Freundin. Dieses Schreiben sollte er natürlich nicht lesen.

Im Grunde war es auch nicht der eigentliche Brief, es war ein Druck durch das Papier auf dem Schreibblock. Der gute alte Trick mit dem Bleistift enthüllte den Inhalt.

Ich kann ihn nicht ausstehen!

Dieser erste Satz hätte Karl-Friedrich ausreichen sollen, um sein Bündel zu schnüren und Laura zu verlassen.

Eigentlich hätte Laura ihr Büdel schnüren müssen, da es sein Haus und sein Grundstück war, auf dem sie zweieinhalb Jahre lebten.

Ich denke daran ihn zu vergiften, lautete der zweite Satz den Karl-Friedrich nicht hätte lesen sollen.

Aber dieser gelesene Satz rettete ihm wiederum das Leben. So war Karl-Friedrich auf die Attacke seitens seiner Frau vorbereitet.

Wann der teuflische Anschlag von statten gehen sollte, wurde im dritten Satz erläutert.

In zwei Tagen ist sein Geburtstag und ich werde ihm eine Fischsuppe kochen.

Seine geliebte Fischsuppe! Es war eine seiner Lieblingsspeisen.

Aber wie würde Laura die Suppe als Mordinstrument benutzen können? In ihrem Kühlschrank hatte Karl-Friedrich keinen Fisch gesehen, der so verdorben war, dass er an einer vergiften Fischsuppe sterben würde. So, dass ein Pathologe einwandfrei eine Lebensmittelvergiftung als seine Todesart feststellen könnte.

Ich werde Botulinumtoxin in die Suppe mischen.

Na sicher, eines der stärksten Gifte. Und die Symptome ähneln denen einer Lebensmittelvergiftung. Aber wie würde Laura an das Gift kommen?

Der fünfte Satz den Karl-Friedrich las obwohl er ihn nicht hätte lesen sollen, brachte eine weitere schockierende Erkenntnis, nach dem Schock das Laura ihn töten wollte:

Hans wird mir ein wenig davon geben.

Natürlich, Hans! Mit vollem Titel und Namen: Dr. Hans-Georg Kniesen, Chirurg an der Sonnenparkklinik, spezialisiert auf plastische Operationen und Gesichtsstraffung mittels Botox.

Jetzt war klar, dass Laura ein Verhältnis mit Dr. Kniesen hatte. Und dieser Dr. Kniesen wollte sich mit einer eigenen Klinik selbständig machen. Davon hatte seine Frau ihm erst vor wenigen Wochen erzählt.

Und das Vermögen von Karl-Friedrich sollte das Kapital stellen.

Ich habe Karl-Friedrich nie geliebt!!!

Der sechste Satz, schmetterte Karl-Friedrich vollends zu Boden. Obwohl die drei Ausrufezeichen das eigentlich Niederschmetternde waren.

Aber aus welchem Grund teilte Laura ihrer Freundin Mona die Absicht mit, ihrem Ehemann auf diese Weise zu töten? Es sei denn Mona war an dem Vorhaben beteiligt.

Beim Lesen von Satz Nummer sieben hätte sich Karl-Friedrich gewünscht es wäre beim Schock über den Doktor als Liebhaber geblieben.

Mein Liebling, wir werden bald wunderbare Jahre in der Toskana verleben.

Die Toskana! Der Ort, wo Laura mit ihrer Freundin Mona so viele schöne Zeit verbrachte. Wie oft hatte seine Frau die Bilder herausgekramt und von den wundervollen Stunden mit ihrer Freundin Mona im Nordwesten Italiens geschwärmt.

Das war, bevor Laura Karl-Friedrich auf einer Party von Mona kennengelernt hatte. Mona war eine entfernte Verwandte seiner ersten Frau und hatte Karl-Friedrich, für ihn unerwartet, zu jener Party eingeladen.

Eigentlich war Laura gar nicht sein Typ. Karl-Friedrich bevorzugte blonde Frauen und seine spätere Ehegattin war schwarzhaarig und hatte, für seinen Geschmack, ein wenig zu viel Busen.

Aber Mona hatte Karl-Friedrich förmlich in die Beziehung mit Laura gedrängt.

Und ja, er war nicht der attraktivste Mann und auch gute dreißig Jahre älter als Laura und wenn so eine bildhübsche Frau wie Laura ihn interessant fand musste er zugreifen. Auch wenn die Haarfarbe und die Oberweite nicht ganz seinen Vorstellungen entsprachen.

Das, nach dem Anraten von Mona, Dr. Hans-Georg Kniesen später, nach ihrer Heirat, die Brust von Laura verkleinerte, hätte nach seiner Ansicht nicht sein müssen. Karl-Friedrich hätte mit dem Busen leben können. Auch mit den Augenlidern ihrer Freundin, die Mona zu tiefhängend fand hatte Karl-Friedrich kein Problem. Und er war nicht der Meinung von Mona, dass Laura sich Fett absaugen lassen sollte. Bezahlt hatte er all die Eingriffe trotzdem.

Karl-Friedrich wollte, wenn auch schweren Herzens, gleich am nächsten Tag zur Polizei gehen und er löste vorsichtig das Blatt mit der schraffierten Schrift vom Block. Als Beweis für die Mordabsicht seiner Frau Laura.

Nach dem Lesen des letzten Satzes, der als P.S. angefügt war, spürte er einen Schlag auf den Hinterkopf und ihm wurde schwarz vor Augen.

P.S. Wenn etwas unvorhergesehenes eintritt, werde ich improvisieren und den Polizeibeamten erklären, dass Karl-Friedrich ausgerutscht und mit dem Kopf an die Ecke der alten Kommode geschlagen ist.

R.Gruwe

Renegald Gruwe, Jahrgang 56, lebt in Berlin als Musiker, Zeichner und Schriftsteller. Über das Verfassen von Liedtexten kam er zum Schreiben von Belletristik.

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