Ad acta oder fiat justitia …

Blockflöten

Als sich Heinz Herbert Hansihorst dem Weichbild von Blockflöten, einem Nest in den äußersten Ausläufern Nordteutoniens, nähert, schlägt es Dreizehn, es schlägt die Stunde alter Schachteln: Eine Gehwagen-Gang seniler Siebziger bricht aus dem Unterholz hervor und quält sich über die Fahrbahn auf die andere Straßenseite. Bevor das Rentnerrudel in den Büschen verschwindet, tippt Herr Hansihorst einer Blockflöte auf den Buckel und fragt, wo sich das Pastorat befinde. Die Gehwagenlenkerin, ein Großmütterchen mit dem Aussehen einer misshandelten Laborratte, mustert den Rhönradreisenden von oben bis unten und meint, er solle um den Ort einen Bogen machen. Wenn den Blockflöten zu Ohren komme, dass ein Schnorrer, zumal ein Ortsfremder und gar ein Zonenzombie sich das von ihnen klingelbeutelfinanzierte Begrüßungsgeld auf die Hand zählen lassen wolle, dann gerieten sie außer sich, dann seien sie zu allem fähig. Heinz Herbert Hansihorst haucht, sein Magen, der grimmige Geselle, zwinge ihn, allen Gefahren die Stirn zu bieten. Daraufhin krakelt die Bucklige eine Adresse auf einen Zettel und drückt ihn dem Reisenden in die Hand.

Keine Stunde später steht Heinz Herbert Hansihorst vor der bezeichneten Adresse und wundert sich, dass ihn nicht der Seelsorger empfängt, sondern die Gehwagengangsterin. Doch der Reisende wundert sich nicht lang, da Kaffeearomen und Croissantdampfschwaden die Küche in eine großmütterliche Märchenwelt verzaubern, in der Sahnetortenrituale wie Gottesdienste zelebriert werden.

Die Sattheit schafft Vertrauen, sie öffnet dem Reisenden den Mund wie eine Zahlenkombination den Safe. Herr Hansihorst beginnt von ganz vorn, von seiner Wiege in der Ostzone in einem von Gott und allen guten Geistern verlassenen Nest wie Blockflöten. Schon in der zweiten, dritten Schulklasse sei er vom Glauben an den Sozialismus abgefallen, dank des krassesten Gegensatzes zwischen dem, was ihm eingetrichtert wurde und der Wirklichkeit. „Alles, was ich sah, las und hörte, klang nach krassester Satire“, klagt der Hansihorst, was ihn aber nicht davon abhielt, sein Taschengeld für gewisse Berichte an den Inlandsgeheimdienst aufzubessern. Man müsse sich mit den gegebenen Verhältnissen arrangieren, meint Heinz Herbert und greift zur Kaffeetasse, in die ihm seine Gastgeberin, die senile Siebzigerin, nachgeschenkt hat. Und so habe ihn der Staatsapparat in die Hauptstadt, nach Berlin katapultiert, um dort in einer Kaderschmiede geformt zu werden. Doch bevor die Rakete seiner Karriere an Höhe gewinnen konnte, sei die Mauer, die die Ostzone wie ein Keuschheitsgürtel einschloss, gefallen und mit der Mauer auch die Rakete, in der er hockte. Denn als verbriefter Experte des Marxismus-Leninismus sei im Kapitalismus kein Staat zu machen. Erschwerend seien Gerüchte hinzugekommen, manche hätten sogar von Beweisen über seine Spitzelei gemunkelt, die so schwer gewogen hätte, dass sie locker zu zwei, drei Jahren hinter Schwedischen Gardinen ausgereicht hätte. Da der Boden unter seinen Füßen zu heiß geworden sei, habe er sich bei Nacht und Nebel ins Rhönrad gestellt und sei seiner Nase nachgefahren. Und dabei sei es bis heute geblieben: Heinz Herbert auf der Flucht! Sein Geschäftsmodell liege im Abgreifen des Begrüßungsgelds der jeweiligen Kirchengemeinde eines Dorfes, einer Stadt, ein Modell, das sich bereits über dreißig Jahre hinweg bewährt habe. Die senile Siebzigerin ist sichtlich bewegt; sie umarmt ihren Gast und gibt sich als Deutsche Einheit zu erkennen, während in der Nachbarschaft regelrechte Staubsaugerorgien gefeiert werden. Das Großmütterchen herzt Heinz Herbert Hansihorst und streichelt ihn im Schritt. Der Zonenzombie sucht sich den Einheitszärtlichkeiten zu entwinden und schützt Übelkeit vor, die nur viel, viel frische Luft kurieren könne. Doch ehe er die Tür erreichen und Land gewinnen kann, schwinden ihm Kraft und Sinne.

Als Heinz Herbert Hansihorst wieder aufwacht, sieht er sich in einem Rollstuhl sitzen; Arme und Beine sind lahm und taub. Auch sein Gedächtnis ist ohne Leben. Er erinnert sich einzig eines Traumes, worin ihm von einem Herrn mit Blockflötengesicht Kleingeld in die Hand gezählt wurde, woraufhin er von einer Meute wütender Blockflötengesichter verfolgt worden ist. Bevor ihn der Mob hatte einholen können, hat sich der Zonenzombie mit einem Schrei aus dem Schlaf gerissen. Vor ihm steht ein Großmütterchen mit Sahnetortentaille, das wie eine misshandelte Laborratte aussieht und neben ihm ein Soldat in voller Kampfausrüstung, ein gewisser Zweieier, Mad Horst Zweieier, sein Vormund und Pfleger. Sagt das Großmütterchen. Und lächelt. Herr Zweieier lächelt nicht, Mad Horst Zweieier schiebt seinen Schützling zur Tür hinaus durch die Straßen eines von Gott und allen guten Geistern verlassenen Städtchens voller bitter bis böse blickender Blockflötengesichter. Da hetzen hysterische Hundenarren umher, ihre Lieben wie kleine, unartige Kinder zurechtschreiend; da sind Rentner im Laufschritt unterwegs und Karikaturen mit Haut und Haaren, die sich in die Hose pissen, weil sie es nicht besser wissen.

Mad Horst Zweieier schiebt den Hansihorst ins Teutsche Museum, eine alte Turnhalle mit Schweißfußatmosphäre. Er parkt den Rollstuhl neben denen von Erich Honecker und Walter Ulbricht. Letztere machen einen ähnlich lahmen Eindruck wie unser Zonenzombie. Dagegen strahlt das Führerporträt an der Wand gegenüber in weit lebendigeren Farben. Neben dem Bild des bösen Braunauers prangen Konstruktionspläne der Auschwitz-Birkenauer Krematorien als Zeugnis teutschen Ingenieurs- und Erfindungsgeists. Mad Horst Zweieier ist nicht nur Vormund und Pfleger, sondern auch Museumskurator. Und einmal in der Woche stellt er mit Schülern Schlachtenszenen nach. Dabei erfreuen sich die Metzeleien bei Frankenhausen von 1525, bei Verdun und Stalingrad allergrößter Beliebtheit. Zweimal pro Woche bessert die Gehwagengangsterin ihre allzu karge Rente als Museumsaufsicht auf. Dabei befreit sie auch Heinz Herbert Hansihorst mit einem Staubwedel, und wenn es sein muss mit Handfeger und Schaufel, von den Zeichen der Zeit.

Nachts, wenn die Lichter ausgehen und das Museum schläft und schnarcht, beginnen sich die Lippen der Gelähmten zu bewegen: Dann beklagen sie ihr Los und jammern, wie sie nur in aller Welt auf ein Großmütterchen hereinfallen konnten. Und dann beschwören sie die gute alte Zeit und lassen sie aus Ruinen auferstehen. Und dann, dann schlurfen auch sie in den Schlaf, ins Schnarchen hinüber.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

Das könnte dich auch interessieren …