Die Messe

Schlendernd passiere ich Stände, auf denen dunkle Vorhänge paradiesische Rückzugsmöglichkeiten verheißen. Zurück im Rampenlicht muss ich warten, begrüßen und erfragen, was mich nicht interessiert. Muss. Alle hier machen es so, man wird gut bezahlt. Die Besten sind jene, die es nicht gerne tun. Schlechtes Gewissen macht das Lächeln strahlend, den Händedruck fester – niemand soll es merken. Dabei ist das Interesse an der Wahrheit allgemein verhalten. Es geht unter, wenn Billionen gepumpt werden. Man macht sich zu viele Gedanken. Man sagt, was erwartet wird, ergänzt hier und da, was gehört werden muss, leicht umfloskelt, bietet Hilfe an, von morgens bis abends, eine Woche lang, bis da wirklich ein Vorhang ist, bis zum nächsten Jahr. Dienerinnen sind zu sehen, Hipsterbärte und hektische Herren, müde Gesichter mit Zeitverträgen und einfachen Tätigkeiten auf Stühlen an Ausgängen ohne Perspektiven. Lieblose Zweckgänge führen unter dem Wetter hindurch. Ein Starkoch auf dem Boulevard begeistert mit Schalotten. An der Drohne hängt noch ein Mensch, irgendwo, mit Antennenkasten. Die Werbebotschaft flattert munter unter dem Palmengartenfensterdach umher, man denkt an Paris im Sommer. Aufhalten lässt sich das Ganze längst nicht mehr. Geruch von Zigaretten, kleine Fluchten in schneller Folge werden unternommen, Sensationen belächelt und Formulierungen bespöttelt von dem, der einmal glaubte, sich erheben zu können und vom eigenen Gewicht überrascht die rote Laterne des Möglichkeitenzuges erahnt. Funktionsessen, ein gieriger Blick, und das Glück, die kleine Schlampe, huscht blitzschnell vorbei. Man ist wieder ich, einen Augenblick lang, einfach so. Ohne Anlass.

Martin Wessely

* 1971, studierte nach dem Abitur und war in den letzten Jahren in verschiedenen Positionen im internationalen Dienstleistungsmarketing tätig. Über den beruflichen Umgang mit Sprache hat er seine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Er lebt und arbeitet in Köln. Aktuelles Buch: 'bipolar. Die Verteidigung der Mitte' (Ch. Schroer, 2012).

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